150. Montagsgespräch im Musiklabor München

Roger Kausch, Jörg Schäffer, Dieter Trüstedt

Rosenmontag: Künstlerische Schreckbilder

Einige Fragen über die wir rätseln - aus der Sicht des Künstlers bzw. des Zuschauers:

  1. Was ist, wenn wir im künstlerischen Arbeiten plötzlich auf Glatteis geraten, uns erschrecken und Mühe haben, uns vor- und umsichtig wieder auf eigentliches Terrain zurückzuarbeiten, ohne dass es vom Publikum bemerkt wird.
  2. Ist es die (schreckliche) Frage nach der Anzahl des Publikums? Welche Kunst soll es denn sein und wie sollen wir sie präsentieren, damit diese Frage zufriedenstellend beantwortet werden kann? Wie ist das mit der Korrelation zwischen Kunst und Geld - unserem Verhältnis zwischen Kunst und Prostitution? 
  3. Oder meinen wir die Bilder, in denen Künstler Schrecken darstellen: der Schrei von Munch, Guernica von Picasso, die Abbildungen und Musiken in den Totentänzen, den Höllensturz von Rubens 

    oder Laokoon (siehe hierzu Bild und die Texte von Gotthold Ephraim Lessing), meinen wir die Aktionskünstler Hermann Nitsch und Otto Muehl oder sind es die Fratzen und Grimassen in den Masken der Volkskunst - also die direkte Darstellung des Schrecklichen.
  4. Oder meinen wir die Schrecken einer staatlichen bzw. kommunalen Kulturpolitik, wie vor 70 Jahren geschehen, die Diffamierung der lebendigen Gegenwarts-Kunst durch die Präsentation einer Kunst des "gesund empfindenden Volkes", bzw.die Zerstörung der eigentlichen Kunst durch Ritualisierung einer Massenkunst oder intimer in "Wege deutscher Kunstpolitik" hier z.B. das niedlich-grausliche Bild "Reifezeit" einer "verheerenden" Vergangenheit. 
  5. In diesem Zusammenhang ist es eine nette Übung, Sätze aus dieser schrecklichen (kulturellen) Vergangenheit in die Gegenwart zu übersetzen, wie z.B.: Bei Kunstwerken, die nicht unmittelbar verstehbar sind, sondern erst durch Begleittexte entschlüsselt werden können - vor allem für ein uneingeweihtes Publikum bei hermetischen oder rigorosen Kunstwerken - besteht die Frage, ob solche Kunstwerke für unsere Gesellschaft überhaupt notwendig sind. 
  6. Vielleicht meinen wir unser Erschrecken über das Abwehren und Abwerten des Fremden, die Angst vor dem Neuen, dem Unvertrauten, den Mangel an Lust, Unerhörtes zu verstehen zu wollen und in diesem Zusammenhang die Verzweckung und Verwertung dieser Ängste. 
  7. Oder meinen wir das schreckliche Ver- und Aufbrauchen von Kunst - vor allem der klassischen Musik - durch Massenveranstaltungen auf großen Plätzen der Stadt und in den Massenmedien
  8. Oder denken wir an die (bittere) Notwendigkeit eines "Beethovengroschens für Neue Musik", d.h. an das Nachdenken über eine mögliche Kostenverteilung im Bereich kultureller Schürfrechte z.B. in den Gefilden der Klassik. 
  9. Im Deutschen Universalwörterbuch steht zum Wort (Kultur-) Frevel: Verstoß gegen die göttliche od. menschliche Ordnung aus bewusster Missachtung, Auflehnung od. Übermut.

    Während dieses 150. Montagsgespräches können wir unmittelbar und unbegrenzt auf das Internet zugreifen, um Beispiele aufzusuchen und sie auf die weiße Wand des Auditoriums zu werfen. Die Gesprächsteilnehmer bringen also unter anderem interessante Internetadressen des Schreckens mit.

Montag, 23. Februar 2004 - 20:00 Uhr

Eintritt frei

Carl Orff Auditorium
München, Luisenstr. 37a
U-Bahn U2 Königsplatz

Musiklabor

Veranstalter:
Echtzeithalle e.V.
in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater München

Tel. 089 / 289 27 477 oder 089 / 2721856
www.echtzeithalle.de  

Letzte Änderung: 16.03.2007
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