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25. Montagsgespräch der Echtzeithalle im Einstein

Hans Rudolf Zeller

Die Frage der Kriterien experimenteller Musik

wird erstaunlich selten gestellt, ganz so, als wären Kriterien von vornherein unvereinbar mit ihrem Begriff oder würden ihn unzulässig einschränken. Gewiß wäre dann nicht mehr alles Beliebige möglich. Aber gerade dies kann mit experimenteller Arbeit auch nicht gemeint sein, obwohl man sie kaum so eindeutig beurteilen kann, wie man vor längerer Zeit einmal glaubte sagen zu können, was etwa ein guter Kontrapunkt ist oder wie eine gute Oper gebaut zu sein hat. Und man konnte dies relativ gefahrlos, weil eine Vielzahl normativer Kriterien zur Verfügung stand, die von der Tradition mehr oder weniger beglaubigt waren. Auf sie kann experimentelle Kunst wie Musik nicht mehr zählen und darum sind ihre Kriterien ganz entschieden prospektive, um nicht zu sagen provisorische, zeitgebundene, jederzeit revidierbare.

tudor.gif (20312 Byte)Daß man sie auch erwartet, zeigt sich daran, wie oft manche Hörer selbst dort Improvisation am Werk sehen, wo noch alles strikt fixiert ist. Gleichwohl ist Improvisation eines der wichtigsten Kriterien der experimentellen Musik, jedoch nicht im Sinne von Beliebigkeit gegenüber Solidität und Strenge, sondern gerade in deren Dienst. Denn zumeist ist Improvisation eben nicht nur Improvisation - zumal wenn sie die Möglichkeiten der Neuen Medien erkundet. So galt David Tudor seit den 60er Jahren als Erfinder der sogenannten Live-Elektronik, nachdem er schon als Pianist den Typus des mitkomponierenden Interpreten repräsentiert hatte, der zugleich durch elektronische Umwandlung den Klavierklang unabsehbar erweiterte und deformierte. Selbst die traditionelle Unterscheidung von Komponist und Interpret schien danach obsolet. Denn auf seinem „Schreibtisch“ war nun eine Vielzahl von Klangkomponenten versammelt, über deren Funktionieren seine „Partitur“ oder vielmehr der Schaltplan nur beschränkten Aufschluß gab, weil sie sich eben nicht total beherrschen ließen. Komponieren hieß daher vor allem, den totalen Zusammenbruch des „Systems“ verhindern oder immer wieder neu zu beginnen.

Montag, 26. Juni 2000

19:30 Uhr Einführung und Gespräch
Eintritt frei

München Einsteinstr. 42 U4/U5 Max-Weber-Platz
Foyer im Einstein

Veranstalter: AG Experimentelle Kunst und Echtzeithalle e.V.

München Tel. 089 / 2721856
www.echtzeithalle.de  

Letzte Änderung: 10.01.2007
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