ECHTZEITHALLE e.V. MÜNCHEN
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301. Montagsgespräch

Mehrfache Zeitstrukturen in Musik und Natur

Dieter Trüstedt und Helmholtz-Projekt

21. Januar 2013 20 Uhr / Eintritt frei
Carl Orff Auditorium München
Luisenstr. 37a, U-Bahn Königsplatz

Erstes Montagsgespräch im Rahmen des Projektes Mathematik als Musik in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater München, dem Bezirk Oberbayern, dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, der Universität Ulm - und dem Musiklabor / Echtzeithalle e.V.

In der Natur sind die Zeitstrukturen frei fließend, d.h. sie unterliegen keinem Gleichtakt. In den Naturwissenschaften ist die Zeit der wichtigste Parameter in der Beschreibung von Naturprozessen.

Die Musik ist eine Zeit-Kunst, d.h. die Entwicklung der Ton-, Klang- und Zeit-Strukturen können nur im Ablauf einer Zeit wahrgenommen werden. In der traditionellen abendländischen Musik spielt die Taktung dieser Zeit eine entscheidende Rolle - sie koordiniert die verschiedenen Stimmen.

Auch innerhalb des gleichen Phänomens lebendiger Natur sind zeitliche "Verzahnungen" zwischen den einzelnen "Mitspielern" selten. Naturphänomene wirken um so "schöner", je unabhängiger ihre einzelnen Zeitstrukturen sind. Beispiele sind der Fall von Schneeflocken, die Wellengeschwindigkeiten in der Meeresbrandung, das Lodern des Feuers, der Flug der Vögel, die Oberflächengestalt eines Flusses, auch die Planeten kümmern sich wenig um die Bewegung der anderen Planeten ..... Gleichtakt wäre hier sogar erschreckend. Stellen wir uns vor, Zikaden oder Vögel würden im Gleichtakt kommunizieren.

Begeben wir uns in die Schmiede, die Pythagoras zum Gesetz des Quintenzirkels inspiriert hat. Auch hier hören wir die Hammerschläge selten im Gleichtakt, zumal die Schmiede bei ständigem Gleichtakt nicht lange stehen würde. Das Helmholtz-Projekt München arbeitet zur Zeit an einer solchen "Pythagoras-Schmiede": eine Computermusik, in der acht Stimmen vollkommen unabhängig von einander operieren. Jede Stimme hat ihr eigenes Tempo (Polytempic), ihren eigenen Startzeitpunkt (Phasing) und ihre eigene Klanggestalt (Tonhöhen und Lautstärke-Verlauf). Auch wenn wir die Zahlenverhältnisse zwischen den Parametern einfach wählen, entstehen wie von selbst komplexe Melodien, Rhythmen, Akkorde und Klangflächen.

Die Musik bekommt den Charakter der genannten Naturphänomene: sie versucht nicht den Zuhörer zu binden - sie läßt ihn frei. Die Musik bekommt eine neue Aufgabe: sie "ist", d.h. sie kann lange sein, ohne zu ermüden, sie ist auch absichtsloses Spiel z.B. wie das einer Windharfe. Es geht hier um eine Musik, in der der Mensch nicht mehr im Fokus steht. Es ist eine andere Musik. In diesem Montagsgespräch werden Teilnehmer des Helmholtz-Projektes eigene Arbeiten in diesem Kontext präsentieren, live spielen.

Charles Ives (1874-1954), Iwan Wyschnegrazky (1893-1979), Conlon Nancarrow (1912-1997), Iannis Xenakis (1922-2001), György Ligeti (1923-2006), Karlheiz Stockhausen (1928-(2007) und andere Komponisten haben diese Verfahren eingesetzt - aber auch Künstler im Trecento Italiens (14.Jh.) mit polytexturalen Kompositionen ("raues und ungeordnetes Zusammensingen").

 

 

Letzte Änderung: 16.01.2013
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