ECHTZEITHALLE e.V. MÜNCHEN
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269. Montagsgespräch

Chaosfarbklavier

Hans Wolf, Klavier
Dieter Trüstedt, Computermusik und Grafik
Jörg Schäffer, Moderation

Montag 22. März 2010 20 Uhr / Eintritt frei
Carl Orff Auditorium München
Luisenstr. 37a, U-Bahn Königsplatz

Bilder 

Viertes Montagsgespräch im Rahmen des Projektes MUSIK AUS DEM NIEMANDSLAND in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater München, dem Deutschen Musikrat, dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und der Echtzeithalle e.V.

Der Klavierspieler - Hans Wolf - spielt die Töne der temperierten Tonskala, so wie der Flügel im Carl Orff Auditorium München gestimmt ist.
Der Chaosspieler - Dieter Trüstedt - spielt die neuberechneten Klaviertöne auf dem Laptop.
Synchron zum Spiel läuft die Projektion einer Grafik im Mondrian-Stil.
Der Klavierspieler hat alle Möglichkeiten des Flügels: Anschlagzeitpunkt, Anschlagqualität, Tonhöhe, Dauer, Nachklang, Pause, Mehrstimmigkeit, Cluster.
Der Chaosspieler hat nur die Wahl der acht vom Flügel aufgenommenen a-Töne. Diese Töne werden bei jedem Anschlag neu und unvorhersehbar - nach der logistischen Formel - berechnet innerhalb einer Bandbreite von ca. plus/minus einer Quinte um das gewählte a herum.
Dem Chaosspieler stehen Anschlagzeitpunkt, Lautstärke, Dauer, Ausklang, Pause und teilweise auch Mehrstimmigkeit zur Verfügung.
Die Grafik besteht aus acht rechteckigen Flächen, die ihre Helligkeiten synchron zum Chaosspiel variieren. Die Grafik ist einfarbig, wird aber von Satz zu Satz in der Farbe geändert: rot - gelb - blau - weiss, gestuft mit voll hellem, mittlerem und schwarzem Hintergrund, so dass 3 mal 4 = 12 Spiel-Sätze entstehen.
Der Chaosspieler beginnt jeden Satz mit seinen speziellen Tönen und baut die Grafik automatisch und synchron auf.
Beide Spieler interpretieren die Grafik - jeder als Solo oder gemeinsam - bereits während des Grafikaufbaus oder anschließend.
Es gibt mehrere künstlerische Fragestellungen, Anregungen, Gestaltungsprinzipien - für die Spieler, für die Hörer und Zuschauer und natürlich auch für die hörenden und sehenden Spieler:
Gibt es Konflikte zwischen den beiden Tonskalen bzw. Tonmaterialien, der temperierten Skala mit 2 hoch a/12 (a gleich Tonhöhendifferenz) und der chaotischen Skala mit k mal x mal 1 minus x (k gleich 3,74) ?
Wir haben in früheren Versuchen erkannt, dass beide Skalen vollkommen unabhängig sind, sich also wenig berühren, reiben oder irritieren.
Sind die möglichen Berührungen - Zeitpunkte, Tonhöhen, Dauern, Lautstärken, Pausen - für eine künstlerische Arbeit sinnvoll und ausreichend?
Welche Rolle spielt die Grafik? Ist sie eine sich selbst generierende Partitur - und ist sie als solche auch verwendbar und wirksam?
Erzeugen Stimmigkeiten in den Grafiken auch entsprechende Qualitäten im musikalischen Spiel?
Hat das chaotische Tonhöhenmaterial eine Qualität, die eher als beliebig empfunden werden kann?
Die Mathematiker nennen solche Strukturen "deterministisch chaotisch", das heißt, es gibt keine starke Kausalität.
Ist diese schwache Kausalität als innere Logik in der Musik spürbar?

Literatur und ergänzendes Material

  1. Oliver Sacks, der einarmige Pianist, Über Musik und das Gehirn, rowohlt, 2008, (Originalausgabe 2007), S. 150: im Kontext des absoluten Gehörs, der Benennung von Tonhöhen und die Wahrnehmungsqualitäten des gehörten Tones.
  2. Logistische Gleichung in komplexen chaotischen Systemen
  3. Programmierung Elektronischer Musik in Pure Data, Johannes Kreidler, 27. Jan. 2009 - siehe Absatz 3.1.1 Tonhöhe
  4. Das 269.Montagsgespräch im Internet - etwas später auch als Dokumentation.

Ausschnitt der Aufführung am 10. Oktober 2009 im Rahmen der Herbstmusik

Letzte Änderung: 27.03.2010
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