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169. Montagsgespräch im Musiklabor München

Das visualisierte Gedicht im Rahmen einer Performance

Sabine Fahrenholz

Die Frage nach den Vorteilen der Visualierung von Gedichten hängt eng mit dem Konzept der hier dargestellten Lyrik zusammen. 

Wenn man nicht davon ausgeht, dass die Aporie der (Post-)Moderne, der Verlust des aktiven Zugriffs auf das "Ding an sich" bzw. seiner Beschreibung inklusive allem damit zusammenhängendem Verlust von Sinnbezügen, von Kohärenz und Entwicklung neue Freiheiten eröffnet (=das reizvolle Spiel mit dem Nichts, die Kreation von Nichts-Splittern oder Splitter-Nichtsen), dann muss man akzeptieren, sich (auch) in der literarischen Produktion in einem relativ determinierten Raum zu bewegen. 

Wie ließe sich dieser Raum konturieren? 

Vielleicht müsste man ihn aus zwei Anteilen erklären. Der erste würde die Determinierung selbst betreffen, den Horizont, der für das zeitgenössische Denken, Fühlen und Handeln Maßstab ist. 

Wenn es möglich wäre, diese ungreifbare und doch so manifeste "Materie" unter die Lupe zu nehmen, könnte man in dem opaken Gebilde Feinstrukturen wahrnehmen und zwar eben als Bewegung. Der Standort ist (erwartungsgemäß) nicht ganz so homogen, wie er sich in seiner Unüberwindbarkeit präsentiert. Der Movens der wahrgenommenen Bewegungen sind diverse übrig bleibende oder durch den Status quo geradezu provozierte Widersprüche, es brechen sich in der Nahperspektive Oppositionen, Antagonismen, Inkompatibilitäten, Spannungen etc. Die verschiedenen Prozesse dieser Widersprüchlichkeiten mimetisch nachzuvollziehen, scheint mir Aufgabe der Lyrik. Denn: Neue Inhalte können (m.E.) weder proklamiert noch künstlerisch ins Leben gerufen werden, somit sind aber auch alle innovativen Stilarten nichts anderes als Spiele mit Oberflächencharakter, plots, die letztlich dort einlaufen, wo sie gestartet sind: in der Aporie, d.h. in der Bedeutungslosigkeit. Nur wo die Kunst nicht mit Scheinfreiheiten operiert, wo sie mit aller Konsequenz zugibt, sich auf definiertem Terrain zu bewegen (auch die persönlichen Gefühle sind von der Nivellierung affiziert), wo sie den Zustand der Atemnot nachvollzieht und dabei aber den Teil des Vakuums fokussiert, in dem in der Totale nicht mehr wahrnehmbare Figuren aufeinanderprallen und sich auseinandersetzen, wo sie die (hauchdünnen) Schnittstellen von deren Übergängen eruiert, ist sie auch in ihrem formalen Ausdruck authentisch und generiert einen Schimmer von echter Substanz. Diese Imitation kann das (laut) gelesene Gedicht nicht leisten. Es manipuliert den Zuhörer zwangsläufig, es legt durch Betonungen, durch zumindest minimalistische Satzstrukturen usw. Richtungen an bzw. fest, es verleitet zur Interpretation, wo allein Interpretationslosigkeit dem Konglomerat der diversen verschlungenen Strukturen gerecht wird, es drängt nach Lösungen, fordert, vereinnahmt. Nur im individuell gelesenen Gedicht bleiben die feinen Kontraste unberührt und können wirken. Damit ist die zweite Ebene des genannten Raums bezeichnet: die Instanz des Rezipienten. Als Lesender adaptiert er die Gedichte in größtmöglicher Freiheit, er ergreift Fäden, verliert sie wieder, versucht sein Glück von Neuem: der Lesevorgang. Wieder kann man die Figur erkennen: der geschlossene Raum der Nicht-Sinnfindung auf der einen Seite - das Gedicht entzieht sich ja seiner Interpretation - der Versuch der Bewegung von Seiten des Lesers auf der anderen. Jetzt ist der Widerspruch aufgehoben - sprachlos, fast gedankenlos bzw.: ein Denken ohne Ausdruck, aber als Akt, als Fragen, Staunen, Ablehnen, Kämpfen usw. Einen fast nicht wahrnehmbaren - und auch auf keinen Fall festhaltbaren - Moment lang kann "Frischluft" inhaliert werden, weil das Verstummen nicht mehr an Sein gebunden ist und deshalb als Potenzial frei wird. Dieser Vorgang vollzieht sich natürlich auch beim "normalen" Lesen von Gedichten, die keine explizite Deutung zulassen nicht selten. Im Rahmen von Veranstaltungen, wie ich sie mir vorstelle, gibt es aber zwei Unterschiede: Erstens sind die Gedichte intentional (=thematisch und formal) auf das Schlingern innerhalb der Grauzonen bestimmter Widersprüchlichkeiten angelegt, als mehr oder weniger subtile Erscheinungsbilder der Situation. Außerdem entsteht in der Öffentlichkeit der Gedichte ein Resonanzraum, gebildet aus den verschiedenen Bewegungen der verschiedenen Rezipienten. Unsere Darstellung soll ihn, indem das Medium des Gedichts sowohl musikalisch als auch bild-visuell widergespiegelt wird, nochmals erweitern. Beide Gattungen sind dabei Teile seiner selbst, denn die Gestaltung von Gedanken im Gedicht setzt innere Bilder und musikalische Grund-Elemente - Rhythmus, Melodie und Harmonie - in Sprache um. 

Die Musik ist eine Antwort auf die Bewegungen, die die Gedichte in dem Komponisten auslösen; die Fotos sind ebenfalls in assoziativer, dabei lockerer Verbindung mit der Lyrik zu denken. Die so entstehenden neuen Räume werden dem Publikum zur Verfügung gestellt.

Montag, 25. Oktober 2003 - 20:00 Uhr

Eintritt frei

Carl Orff Auditorium
München, Luisenstr. 37a
U-Bahn U2 Königsplatz

Musiklabor

Veranstalter:
Echtzeithalle e.V.
in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater München

Tel. 089 / 289 27 477 oder 089 / 2721856
www.echtzeithalle.de  

Letzte Änderung: 10.01.2007
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